Annette .. was tät’ ich ohne Dich
(Artikel vom 4. Februar 2009)
Weil es immer mal wieder durch Foren, durch Reithallen und über Reitplätze geistert, tu’ ich was, was ich noch nie getan habe (jedenfalls nicht so) – ich schreib’ mal was übers “Schulterherein”.
Die Lektion Schulterherein ist ein armes Ding – unzählige Mythen ranken sich um die Mutter (wahlweise: Königin) der Seitengänge. Ich nenn’ sie ja, nur so für mich, ‘Tante Emma’ – weil die Korrektheit der Ausführung genauso rückläufig ist, wie die Läden besagter Tante. Mittlerweile gibt es sogar Reitmethoden, die die richtige Ausführung so weit vereinfacht haben, daß es jeder reiten kann, der die zweite Zehnerkarte im Verein abgeritten hat.
Wie soll es denn nun richtig aussehen? Man kann das, wenn es nicht bekannt ist, in den Richtlinien für Reiten und Fahren Bd. 2 nachlesen, deshalb hier nur die Kurzform: gebogen, 3 Spurlinien, beginnend versammelt oder versammelt, das hängt vom Ausbildungsstand des Pferdes ab. Die Übung wird im Trab geritten, weil – und jetzt kommts – das Schulterherein eine versammelnde und/oder versammelte Lektion bzw. Übung ist, danebst auch geraderichtend (und das geht nun mal im Schritt nicht) und somit kennzeichnet diese Lektion auch den ausbilderischen Übergang von der Schubkraft zur Entwicklung der Tragkraft.
Haaalt! .. höre ich die Reiter mit der Zehnerkarte rufen: Man kann das Schulterherein auch auf 4 Spurlinien reiten!
Klar, kann man. Aber dann muß man sich einen anderen Namen dafür ausdenken, ‘Halsherein’ vielleicht, oder ‘Kruppehinaus’. Mit DEM Schulterherein hat das vierspurige Gewürge nichts zu tun.
Ach., wegen der Biegung? Achso. Gut daß du es sagst. Das muß man mir nämlich auch mal erklären: warum wollen diejenigen, die am lautesten schreien, es gebe keine Rippenbiegung – es gebe überhaupt keine Biegung der Brustwirbelsäule – warum wollen ausgerechnet diese ‘Reitkünstler’ mit der vierspurigen Ausführung von irgendwas, mehr Biegung erreichen? Und von was? Vom Hals? Geeenau 
Und somit ist es dann auch kein Schulterherein mehr, sondern allenfalls ein Schenkelweichen., und oft nicht mal das.
Womit wir bei der Frage sind: wohin muß ich sitzen?
Das ist der Moment, wo wir kurz nachdenken. Was wollen wir nebst der Förderung der Geraderichtung, nebst der Vervollkommnung der Durchlässigkeit und ein paar anderer Banalitäten eigentlich erreichen? Richtig – das spurige Untertreten des inneren Hinterbeines unter den Schwerpunkt., auch, aber nicht nur, um das Pferd langsam zu Lasten der Schubkraft an die Tragkraft heranzuführen – ohne daß Takt, Losgelassenheit und vor allem der Schwung darunter leidet. Und weil manche Pferde schlauer sind als ihre Reiter und beim Abfußen des inneren Hinterbeines die innere Körperseite absenken und dadurch den Reiter nach innen setzen – wo das Gewicht auch hingehört – eben deswegen sitzt man nach innen.. WEIL nämlich genau in diesem Moment der wegschwingende Rumpf sich die passende Schenkelhilfe abholt. In diesem Augenblick interessiert sich das Pferd einen Dreck um die Physik – von wegen dem Gewicht folgen – sondern nimmt den locker im Bewegungsfluß treibenden Schenkel dankbar an, fußt unter den Schwerpunkt (mit ein bißchen geduldiger Übung) und läßt sich um den berühmten inneren Schenkel biegen. Wir merken uns also: Innen ist immer in Stellungsrichtung und das Gewicht ist immer innen. Das gilt übrigens für ALLE Lektionen und Übungen., bis ganz hoch.
Man hört es immer wieder und heute hat mich auch jemand gefragt: Muß ich denn mit dem Schulterherein warten, bis mein Pferd soweit ausgebildet ist? Antwort: Ja.
Man kann Tante Emma natürlich auch im Schritt reiten, nur ist es dann kein Schulterherein, selbst wenn es im günstigsten Fall so aussieht. Was aber noch viel bedauerlicher ist., es hat im Sinne des Schulterhereins keinen gymnastizierenden, ausbildungsrelevanten Sinn, also für die Versammlung.. und für die Geraderichtung schon gar nicht. Wir merken uns: Geradegerichtet wird im Trab. Punkt.
Allenfalls kann man das leichte Übertreten auf drei Spuren als lösende Übung verwenden, auf vier Spuren nennen wir es schlicht Schenkelweichen. Wenn, wie man es allenthalben sehen kann, der Hals bis zur Unkenntlichkeit verbogen ist, nenne ich es entweder ‘Über die Schulter laufen’ oder, wenn es das Pferd trotz des einwirkenden Reiters fertigbringt ein bißchen seitwärts zu gehen, genau, ‘Schenkelweichen mit Fehlstellung’.
Der Vollständigkeit halber sei noch hinzugefügt, daß sich alles was vor vor dem Schulterherein kommt, entweder ‘Schultervor’ oder ‘Reiten in Stellung’ nennt. Und auch diese Übungen werden, wollen sie sinnvoll angewandt werden, im Trab geritten.